NaG ist ein interdisziplinäres Angebot an alle Studierenden, das als fachübergreifende Lehre, als Wahlmodul und/oder mit einem unabhängigen Zertifikat abgeschlossen werden kann.
Längst hat die Forschung ihren Elfenbeinturm verlassen und muss Rede und Antwort stehen: Sie soll Verantwortung übernehmen für nachhaltige Entwicklung, sie soll terroristischen oder kriegerischen Missbrauch ihrer Ergebnisse verhindern, sie soll die Risiken und Ambivalenzen technischen Fortschritts abschätzen, sie soll zwischen alternativen Entwicklungspfaden entscheiden. An aktuellen Fallstudien bereitet Sie der interdisziplinäre Studienschwerpunkt Nachhaltige Gestaltung von Technik und Wissenschaft auf Auseinandersetzungen um Verantwortung, Frieden, Sicherheit, Nachhaltigkeit vor.
Wie sollen Technik und Wissenschaft nachhaltig gestaltet werden? Diese Frage wird verfolgt an Beispielen aus der aktuellen Forschung, die problemorientierte interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordern: Plutoniumentsorgung lässt sich weder durch Physik, Politologie, Friedensforschung noch Ökonomie allein planen, Nanotechnologie und Gentechnik stellen Philosophie und Sozialwissenschaften vor grundsätzlich neue Fragen.
Irgendwann werden Sie – als Naturwissenschaftler/innen, Ingenieur/innen, Sozialwissenschaftler/ innen oder Ökonom/innen – vor Entscheidungen stehen, die den Kurs für die weitere Entwicklung in einem Bereich von Wissenschaft und Technik mitbestimmen. Dann sind Kompetenzen nötig – die Reflexion der Bedingungen der eigenen Arbeit und interdisziplinäre Denkweise zum Beispiel – die Sie bei NaG entwickeln können.
Technik und Wissenschaft
Der wissenschaftlich-technische Fortschritt führt zu verschiedenen kritischen Entwicklungen: Neben-folgen, Ambivalenz, Risiko, Dual-Use und andere Problemtypen werden erkennbar. Diese Phänomene sind oft irreversibel, aber nicht zwangsläufig. Sie müssen im vorhinein – prospektiv – bedacht werden, um angemessen mit Technik und Wissenschft umzugehen, sie zu minimieren, auszugleichen oder ganz zu vermeiden. Oft können Alternativen in den Forschungsstrategien und den gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen gefunden werden, die zu deutlich unterschiedlichen Folgen und zu anderen Forschungslinien führen.
Was für ein Bild von Wissenschaft und Technik ist das? Die Forschungsdynamik ist kein Selbstläufer mehr. Bisher „rein“ innerwissenschaftliche Entscheidungen können zu Fragen von ethischer Relevanz werden. Entscheidungen müssen nicht mehr nur fachlich begründet sein, sondern müssen ihre gesellschaftliche Relevanz mit einbeziehen. Einen wesentlichen Schritt dazu stellt problemorientierte Interdisziplinarität dar, die durch das Zusammenführen verschiedener fachlicher Perspektiven ein breiteres Verständnis der zu vermeidenden oder zu lösenden Probleme erlaubt.
Nachhaltige Entwicklung
Neben der Richtigkeit und Angemessenheit sollen die Entscheidungen in Wissenschaft und Technik legitim sein: sie müssen transparent, demokratisch und an möglichst allgemein anerkannten Maßstäben orientiert sein. Als ein grundlegender Maßstab kann Nachhaltigkeit dienen. Es existieren verschiedene Interpretationen, was Nachhaltigkeit bedeuten, wie z.B. „Ausgleich zwischen Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft“ oder „inner- und intergenerative Gerechtigkeit“. Wie sich solche grund-sätzlichen Forderungen – die immer eher als Orientierung und nicht als Zielpunkt zu verstehen sind – eignen, konkrete Entscheidungen zu treffen, ist noch offen. Für die Gestaltung von Technik und Wissenschaft bieten sie aber auf jeden Fall einen Ausgangspunkt, für jeden Einzelfall Kriterien zu formulieren, nach denen die Alternativen abgewogen werden können. In diesem Prozess gilt es aber, nicht den Kerngedanken der „Nachhaltigen Entwicklung“ aus den Augen zu verlieren, nämlich Möglichkeiten zu schaffen für eine menschenwürdigen Zukunft weltweit.
Gestaltung
Warum Gestaltung? Zwei andere oft verwendete Begriffe böten sich an, Entwicklung und Steuerung.
Entwicklung steht nicht ohne Grund im Leitbild „Nachhaltige Entwicklung“. Sie bezeichnet einerseits die Notwendigkeit, allen Weltteilen die Möglichkeit zu einer eigenen Entwicklung zu geben. Andererseits muss Nachhaltige Entwicklung immer einen langfristigen Prozess darstellen, Nachhaltigkeit kann nicht einen unveränderlichen Zustand beschreiben. Allerdings verleitet Entwicklung eher zu einber Vorstellung von Eigendynamik: Etwas, dass sich selbst entwickelt und dazu Raum, aber keine Eingriffe braucht.
Steuerung dagegen kommt aus der Vorstellung, dass sich der Fortschritt z.B. politisch steuern lässt, um ein gesetztes Ziel zu erreichen. Wissenschaft und Technik wären kalkulierbare Instrumente. Solche Versuche der vollständigen Steuerung scheiterten an der Eigendynamik der Wissenschaft und der offenheit ihrer Folgen, die sich der Planung entzog.
Gestaltung bezeichnet nun eine dritte Vorstellung. Die Eigendynamik der Wissenschaft, wie sie sich in beiden anderen Ansätzen zeigt, wird als Gestaltungsprozess ernst genommen und aktiv integriert in die Entscheidungsprozesse. Die Institutionen und Akteure der Wissenschaft werden in die Verantwortung mit einbezogen. Die Entscheidungen betreffen zugleich die gesellschaftliche Zukunft und die der Wissenschaft. Politik wird damit wissenschaftlicher, Wissenschaft politischer. Neu ist dabei nicht, dass in beiden Bereichen Entscheidungen getroffen werden, sondern dass die Entscheidungen aufeinander abgestimmt werden. Natürlich lässt sich so keine Gewissheit über die Folgen der Entscheidungen treffen, aber es besteht immerhin die Hoffnung, bessere und sozial robustere Entwicklungslinien einzuschlagen.
Nachhaltige Gestaltung von Technik und Wissenschaft
Technik und Wissenschaft sowohl als Gestalter als auch als Gestaltete zu begreifen ist die Prämisse dafür, diese Gestaltungsprozesse als zusammenhängend zu begreifen und an sie die Forderung nach Nachhaltiger Entwicklung zu stellen. Nachhaltige Gestaltung von Technik und Wissenschaft ist weniger ein beschreibender als ein programmatischer Ansatz.